Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Urheberrecht

OMC#4 -- 2008:
OMC#4-Sampler

 

OMC#3 -- 2007:
OMC#3-Sampler

 

OMC#2 -- 2006:
OMC#2-Sampler

 

OMC#1 -- 2005:
OMC#1-Sampler

 

radio.openmusiccontest.org

 

Play Ogg

 

Was macht eigentlich das Urheberrecht?

Obwohl das "Gesetz über Urhebrrecht und verwandte Schutzrechte" (UrhG) für den Wissenschafts- und Lehrbetrieb von ganz grundsätzlicher Bedeutung ist, haben sich die wenigsten einmal näher damit beschäftigt, welche Regelungen dort eigentlich genau vorliegen. Es findet Anwendung wenn du dir einen Artikel kopierst, eine Grafik für eine Vortragsfolie benutzt oder aus anderen Arbeiten in einem Referat zitierst. Denn es regelt nicht nur die eigentliche Urheberschaft eines Werks, sondern vor allem dessen Verwertung: Wer darf ein Werk unter welchen Bedingungen für welchen Zweck verwenden?

Nötig wurde das Urheberrecht, um zwischen zwei betroffenen Parteien einen Kompromiß zu schließen: Auf der einen Seite haben die Urheber eines Werkes ein Interesse daran, dieses möglichst für sich zu behalten und jede Verwendung beliebig in Rechnung zu stellen. Auf der anderen Seite haben wir alle als "Öffentlichkeit" das etwas entgegengesetzte Interesse, möglichst ungehinderten Zugang zu allen geschaffenen Werken zu erlangen. Das Urheberrecht soll zwischen diesen Anliegen einen möglichst fairen, ausgewogenen Ausgleich schaffen. So erlaubt es z.B. derzeit noch die freie Verwendung urheberrechtlich geschützter Werke in Lehre und Forschung, um deren grundgesetzlich garantierte Freiheit zu schützen.

Copyright und Urheberrecht sind nicht das gleiche

Unser Urheberrecht steht in der Tradition des französischen "Droit d'auteur", welches Ende des 18. Jahrhunderts in Folge der revolutionären Ereignisse die vormals königlichen Privilegien bezüglich Autorenschaft und Verlagswesen ablöste. Seit dieser Zeit herrscht in Europa der Gedanke vor, ein Werk gehöre nach dem Entstehen "natürlich" seiner Autorin und niemandem sonst. Diese als natürlich verstandene Bindung zwischen Urheber und Werk geht so weit, daß die Urheberschaft automatisch besteht und (über-)lebenslang gilt. Noch heute muß niemand ein Werk irgendwo "anmelden", um die Urheberschaft daran zu haben, und auch heute noch ist es nach geltenden Urheberrecht unmöglich, die Urheberschaft aufzugeben oder an eine andere Person zu übertragen. In der anglo-amerikanischen Tradition des "Copyright" ist dies anders -- hier kann man auch seine Urheberschaft an einem Werk veräußern, also sämtliche Rechte daran verlieren. Bei genauerer Betrachtung wird diese unterschiedliche Sichtweise schon in den Bezeichnungen deutlich: Während im "Copyright" das Vervielfältigungsrecht (meist durch andere) betont wird, stand nach der französischen Revolution das Recht der Urheber an sich im Vordergrund. Der Begriff Copyright stammt tatsächlich aus dem 16. Jahrhundert -- der Zeit der Einführung und Verbreitung von Druckerpressen -- und bezeichnete das "Recht", welches das britische Königshaus als Monopol (Patent) an die Gilde der Drucker und Verleger verlieh, welche als einzige dann Manuskripte ("Kopien") auf sich registrieren und vervielfältigen durften.

Bis 70 Jahre nach Tod des Urhebers bleiben nach deutschen Urheberrecht sämtliche Rechte erhalten, danach geht das Werk automatisch in die sog. "Public Domain" über, wird also gemeinfrei. Es können also heute tatsächlich alle Werke von Künstlerinnen völlig frei verwendet werden, die vor mehr als 70 Jahren verstorben sind.

Der Schutz "geistigen Eigentums"

Die Grundidee hinter diesem Autorenrecht bestand darin, ihnen einen Anreiz zu geben, ihre Werke auch der Öffentlichkeit zu präsentieren -- zu "veröffentlichen" -- ohne Angst haben zu müssen, jemand anders könnte die eigene Leistung abkupfern und als eigene bezeichnen. Es bestand also die Sorge, es würde kaum jemand etwas veröffentlichen, wenn eine Veröffentlichung nicht gleichzeitig einen gewissen Schutz für die eigene geistige Leistung mit sich brächte. Das Urheberrecht war also von Beginn an Mittel zum Zweck. Es soll dem zentralen Ziel dienen, der Allgemeinheit ein möglichst vielseitiges, kreatives kulturelles Leben zu ermöglichen.

Wie die zurückgehenden Wurzeln ins 18. Jahrhundert anklingen lassen, war an digitale Informationen oder das Internet in den Geburtsjahren des UrhG nicht zu denken. Spätestens der "napster-Schock" (für die Musikindustrie) Ende der 1990er machte allen unmißverständlich klar, daß die technischen Möglichkeiten und Realitäten der entstehenden "Wissensgesellschaft" nur schwer mit einem 200 Jahre alten Urheberrecht in Einklang gebracht werden konnten. Es wurden von vielen Seiten Rufe nach einer Neufassung laut.

Das digitale Zeitalter

Doch der Chor dieser Rufe driftete schnell in eine wilde Schreierei ab. Während auf der einen Seite vor allem eine Gruppe von Werkeverwertern (Musik-, Film- und Verlagsverbände) nach schärferen Gesetzen, technischen Grenzen und künstlicher Informationsverknappung verlangt, fordern auf der anderen Seite u.a. Bürgerrechtsverbände und NGOs, man müsse das Recht an die neuen Realitäten anpassen, nicht andersherum. Bei genauem Hinsehen tobt der Streit also weniger zwischen Urhebern und Öffentlichkeit, als zwischen Verwertern (die gerne für sich beanspruchen, die Urheber zu vertreten) und Öffentlichkeit. Den immer wieder zitierten "Schutz geistigen Eigentums" fordern aktuell also nicht so sehr die eigentlich betroffenen Autorinnen, sondern die Verlegerinnen (von z.B. Forschungsarbeiten, die ursprünglich mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden) oder Eigner von Musikkonzernen (die womöglich nie eine eigene Note produzierten).

Seit mehreren Jahren befindet sich auch das deutsche Urheberrecht in einer "Reform", die die breite Öffentlichkeit nur am Rande wahrnimmt. So ist es kein Wunder, daß in den diskutierten Entwürfen auch die praktische Freiheit von Lehre und Forschung verhandelbar scheint. Anders ist nicht zu erklären, warum privaten wissenschaftlichen Fachverlagen das Zugeständnis gemacht werden soll, ein inzwischen wohl unverzichtbarer (weil bezahlbarer) Literaturdienst wie Subito dürfe Artikel nur dann ausliefern, wenn der ursprüngliche Verlag kein eigenes Angebot mache. Hierfür soll der Verlag beliebige Summen verlangen dürfen. Das von den Verlagen verkaufte Wissen wurde an Hochschulen zumeist öffentlich finanziert erforscht, und soll von ihnen ein weiteres Mal mit öffentlichen Mitteln zurückgekauft werden. Die ursprüngliche Idee (Rechte der Urheber wahren um der Öffentlichkeit viele Werke zu bescheren) wandelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Finanzierungsgrundlage nutznießender Dritter. Den Interessen dieser Dritten, deren Relevanz für die eigentliche Werkschaffung von Fall zu Fall diskutiert werden müßte, scheinen dabei aktuell das größte Gewicht beigemessen zu werden.

Doch was denken eigentlich die unfreiwillig durch ihre Verwerter vertretenen Urheber? Am Beispiel Courtney Love ("Hole") läßt sich für die Medienindustrie exemplarisch das Mißverhältnis zwischen Urhebern und Verwertern veranschaulichen. Love stritt jahrelang gegen ihre Plattenfirma Universal Records, die einen Profit von 6,6 Millionen Dollar aus Plattenverkäufen machte, ohne die Band am Gewinn zu beteiligen. Dazu findet die Musikerin klare Worte:

  • "Was ist Piraterie? Piraterie ist das Stehlen der Arbeit eines Künstlers, ohne die Absicht, dafür zu bezahlen. Ich spreche nicht von napster-artigen Systemen. Ich spreche von Verträgen mit großen Plattenfirmen."
  • "Wir Künstler glauben gerne, dass wir eine Menge Geld verdienen können, wenn wir Erfolg haben. Aber es gibt Hunderte Geschichten von 60- und 70-jährigen Künstlern, die pleite sind, weil sie nie einen Pfennig für ihre Hits bekommen haben. Für einen Nachwuchskünstler ist es heute ein langer Weg zum echten Erfolg. Von den 32.000 Neuerscheinungen pro Jahr verkaufen nur 250 mehr als 10.000 Exemplare. Und weniger als 30 bekommen Platin. [...] Künstler, die der Industrie Milliarden von Dollar eingebracht haben, sterben arm und unversorgt. Und sie sind nicht etwa Darsteller oder sekundär Beteiligte. Sie sind die rechtmäßigen Eigentümer, Urheber und ausführende Künstler von Originalkompositionen. Das ist Piraterie."
  • "Da ich meine Musik im Grunde schon im alten System verschenkt habe, mache ich mir keine Sorgen um MP3-Dateien, Funktechnologien oder irgendwelcher anderer Bedrohungen meiner Copyrights. Alles, was meine Musik für mehr Menschen verfügbar macht, ist großartig. [...] Ich werde es Millionen von Menschen erlauben, meine Musik umsonst zu bekommen, wenn sie möchten, und wenn sie ihnen gefällt, werden sie hoffentlich so freundlich sein, ein Trinkgeld zu hinterlassen."

(Salon Magazine, 14. Juni 2000; zitiert aus "Freie Software", V. Grassmuck)

Vom Copyright zum Copyleft

In den 1980ern war ein Hacker des Massachusetts Institute of Technology (MIT) namens Richard M. Stallman besorgt von den Tendenzen, vormals selbstverständlich offen lesbaren Computerquellcode aus Vermarktungsgründen (Kundenbindung) immer schwieriger zugänglich zu machen. Als Wissenschaftler und Programmierer empfand er es als gesellschaftliche Bedrohung, eine Basistechnik wie Computerprogramme der Öffentlichkeit zu entziehen, da dies zum einen die öffentliche Kontrolle, zum anderen die selbsttätige Verbesserung vorhandener Anwendungssoftware unmöglich macht, und stattdessen eine künstliche Abhängigkeit von Privatfirmen entsteht. Er beobachtete, wie das Copyright zunehmend gegen die Interessen der Allgemeinheit verwendet wurde.

Es gilt heute gemeinhin als sein nachhaltigster Geniestreich, diesen Entwicklungen ein sogenanntes "Copyleft" entgegenzusetzen: Stallman entwarf mit der "GNU General Public License" (GPL) eine Lizenz, die ebenfalls geltendes Copyright nutzte, indem sie sinngemäß etwa sagt: "Ich bin der Urheber dieses Computerprogramms und verfüge über alle Rechte daran. Als Urheber gestehe ich der Allgemeinheit folgende unwiderrufliche Rechte zu: Sie darf dieses Programm benutzen wofür sie will. Sie darf das Programm frei verbreiten. Sie darf den Programmcode lesen und verändern, und sie darf auch diese veränderte Fassung wieder frei verbreiten -- das Ergebnis muß nur wieder unter dieser Lizenz stehen." Insbesondere diese Bedingung, Weiterentwicklungen der Programme erneut unter die GPL stellen zu müssen (die sog. "virale Komponente der GPL") soll langfristig die völlige Freiheit des Codes garantieren.

Diese völlig neuartige Nutzung des Urheberrechts bildete den Auftakt für die Freie Software Community (Stallmann selbst initiierte das GNU-Projekt, das noch immer die Grundlage der heute verbreiteten GNU/Linux-Systeme bildet, und gründete die Free Software Foundation, die unter anderem für die Pflege der GPL verantwortlich ist).

Im Jahre 2001 nahm der Jurist Lawrence Lessig (Professor an der School of Law der Stanford University) diesen Gedanken auf und initiierte das Creative Commons-Projekt (CC), um das beeindruckend erfolgreiche Modell freier Software auf andere Kulturgüter anwendbar zu machen: Literatur, Film, Fotographie und natürlich auch Musik. Analog zur GPL entwickelte das Projekt eine Lizenzgrundlage für freie Werke. Auch die CC-Lizenzen verwenden das Urheberrecht, um den Lizenznehmern (das bist du z.B., wenn du eines der hier angebotenen Musikstücke an jemanden weitergibst) explizite Rechte einzuräumen. Im Unterschied zur GPL gibt es nicht eine CC-Lizenz, sondern eine Art Baukasten aus einigen Rechten (vgl. CC-Lizenzen auf diese Seite). Die virale Komponente ("share alike"/"Weitergabe unter gleichen Bedingungen") ist beispielsweise optional.

Open Access: Creative Commons für eine freie Wissenschaft

Im Bereich wissenschaftlicher Publikationen (üblicherweise in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, oft kurz mit dem englischen Begriff "Journals" bezeichnet) ist seit Jahren ein enormer Preisanstieg zu verzeichnen. Durch Spezialisierung und Zentralisierung im Verlagssektor kosten Jahresabos eine Universitätsbibliothek mitunter mehr als 10.000 Euro -- für eine naturwissenschaftliche Zeitschrift, wohlgemerkt. Als Reaktion auf diese Kostenexplosion entstand vor einigen Jahren die Open Access-Bewegung. Dieser wachsende Kreis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertritt die Auffassung, daß mit öffentlichen Mitteln finanziertes Wissen auch öffentlich frei zugänglich sein muß. Um diese Freiheit zu gewährleisten, werben sie dafür, Artikel und Berichte unter freie Lizenzen wie den CC-Lizenzen zu stellen und auf Hochschulservern dauerhaft allgemein zugänglich zu machen. Richard Sietmann stellt die wissenschaftliche Zeitschriftenkrise und das Alternativmodell Open Access in seinem Artikel "Über die Ketten der Wissensgesellschaft" übersichtlich und nachvollziehbar dar.

Artikelaktionen